Interview Sybille Pirklbauer
Polipedia führte am 23.01.2012 ein Interview mit Sybille Pirklbauer
PoliPedia: Wie sieht Ihre Arbeit in der Arbeiterkammerkammer Wien aus? Was macht die Abteilung „Frauen - Familie“ und bei welchen Fragen kann ich mich an Sie wenden?
Pirklbauer: Die Arbeiterkammer hat den Auftrag, die Interessen aller ArbeitnehmerInnen in Österreich zu vertreten. Unsere Abteilung kümmert sich dabei einerseits darum, dass bei der Gleichstellung von Frauen und Männern was weitergeht. Andererseits müssen Familien angemessen unterstützt werden – vor allem die Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, sind uns ein ganz wichtiges Anliegen.
Dafür erarbeiten wir Konzepte, machen Berechnungen und versuchen bei Gesetzen einzuwirken, dass sie im Sinne der ArbeitnehmerInnen gestaltet werden.
Die direkte Beratung von Frauen oder Familien – natürlich auch werdende Mütter und Väter – machen die KollegInnen aus der Abteilung Arbeitsrecht. Wer Fragen oder Probleme hat, bekommt dort Beratung. Aufgrund dieser Erfahrungen aus der Praxis verbessern wir unsere Vorschläge und Konzepte weiter.
PoliPedia: Thema „eigener Kollektivvertrag für Frauen“? Was sind die Vor- und Nachteile?
Pirklbauer: Es gibt derzeit hunderte Kollektivverträge (KV), die nach Branchen und Bundesländern aufgeteilt sind und einzeln verhandelt werden. Sie sind ganz wichtig, weil kein Unternehmen weniger zahlen darf als in den KV's festgelegt ist.
Früher gab es in den Kollektivverträgen unterschiedliche Lohngruppen für Frauen und für Männer. Die Löhne für Frauen waren – für die exakt gleiche Arbeit – immer niedriger. Mit Einführung des Gleichbehandlungsgesetzes 1979 wurde das verboten.
Trotzdem ist ein Nachteil für die Frauen geblieben. Oft liegt es an der Einstufung - also welcher Lohn-oder Gehaltsklasse jemand zugeordnet wird. Da sind die Abgrenzungen oft nicht klar und Frauen landen eher in den schlechteren Stufen. Zusätzlich haben sie Nachteile, wenn sie wegen den Kindern eine Zeitlang in Karenz sind. In vielen Kollektivverträgen ist nämlich mit längerer Dauer des Arbeitsverhältnisses ein höheres Gehalt vorgesehen.
Eigene Frauenkollektivverträge zu schaffen wäre nicht sinnvoll und auch rechtlich nicht zulässig. Aber die bestehenden Verträge zu durchleuchten, welche Bestimmungen hier zu Ungerechtigkeiten führen, ist sicher wichtig. Die Anrechnung der Karenzzeiten, die die Gewerkschaft kürzlich in vielen Bereichen erkämpft hat, ist da ein großer Schritt in die richtige Richtung.
PoliPedia: Um die Gleichbehandlung von Männern und Frauen zu gewährleisten müssen Betriebe seit 2011 alle zwei Jahre einen anonymisierten Einkommensbericht (über die Einkommen der Männer und Frauen im Betrieb) vorlegen. Wie sieht so ein Bericht aus, und wozu dient solch ein Einkommensbericht?
Pirklbauer: Wir wissen seit vielen Jahren, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Das besondere Problem dabei ist, dass auch bei gleicher Arbeitszeit, Ausbildung und Tätigkeit ein Unterschied von einem Fünftel bleibt, der einfach nicht sachlich erklärt werden kann. Das kann etwa daran liegen, dass Frauen im Kollektivvertrag schlechter eingestuft werden, seltener Zulagen bekommen oder bei den Prämien leer ausgehen.
Was da genau zutrifft, kann aber nur im Betrieb direkt angeschaut werden – und genau das muss jetzt mit den Einkommensberichten gemacht werden. Da gibt es dann eine Aufstellung, wieviele Frauen und Männer wieviel verdienen. Wenn es Unterschiede gibt, müssen sie gut erklärbar sein – oder dringend beseitigt werden.
Für die AK waren diese Berichte ganz wichtig. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können ihre Rechte nur dann wirklich nutzen, wenn sie wissen, was Sache ist. Gerade bei Löhnen und Gehältern wird in Österreich aber viel geheim gehalten. Mit den Einkommensberichten gibt es jetzt endlich mehr Einblick darüber – damit können sich Benachteiligte viel besser wehren!
PoliPedia: Kann jeder diese Einkommensberichte einsehen? Wenn ja, wo?
Pirklbauer:
Wer sich jedoch darüber informieren möchte, welches Gehalt für welchen Job zusteht, bekommt jetzt bei den einzelnen Stelleninseraten die Information, welche Bezahlung jeweils vorgesehen ist. Zu empfehlen ist auch der Gehaltsrechner des Frauenministeriums unter http://www.gehaltsrechner.gv.at
Die Einkommensberichte sind aber nur für den Betrieb selbst vorgesehen. Dort bekommt ihn der Betriebsrat und die einzelnen Beschäftigten können sich dort informieren. Gibt es in einem Unternehmen keinen Betriebsrat, bekommen ihn die ArbeitnehmerInnen direkt. Aber veröffentlich werden sie nicht.
PoliPedia: Zum Thema „Familie“: Wer oder was berät bei Ihnen werdende Mütter und Väter?
Pirklbauer: Alle Fragen, die in Zusammenhang mit Arbeit stehen, berät die Arbeiterkammer. Also beispielsweise: Wie lange darf ich in Karenz gehen? Muss ich meinem Arbeitgeber sagen, dass ich schwanger bin? Darf ich in der Karenz gekündigt werden? Dafür gibt es eine Reihe von Broschüren. Genauere Fragen können in einer telefonischen oder persönlichen Beratung beantwortet werden.
Wenn es aber um Familienthemen geht, die nichts mit der Arbeitswelt zu tun haben, gibt es andere Beratungsstellen. Etwa: Wo bekomme ich Familienbeihilfe? Oder wer bekommt das Sorgerecht? Hier gibt es Beratungsstellen bei der Stadt Wien oder beim Sozialministerium.
PoliPedia: Inwiefern vertreten Sie (Abteilung Frauen und Familie) werdende Mütter und Väter?
Pirklbauer: Als Arbeiterkammer (AK) sind wir unseren Mitgliedern verpflichtet, dass sind alle ArbeitnehmerInnen in Österreich. Für werdende Eltern ist es wichtig, dass sie in ihrem Arbeitsverhältnis geschützt sind und nicht etwa eine Schwangerschaft ein Grund für eine Kündigung ist.
Wenn das Kind da ist, ist die Vereinbarkeit der Betreuungspflichten mit dem Job ein ganz großes Thema. Die AK setzt sich dafür ein, dass es gute gesetzliche Regelungen für werdende und seiende Eltern gibt und die Rahmenbedingungen, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung, laufend verbessert werden.
Bei konkreten rechtlichen Problemen berät die arbeitsrechtliche Abteilung der AK. Wenn es hart auf hart im Job geht, vertritt die AK Eltern auch im Falle eines Gerichtsverfahrens.
PoliPedia: Vielen Dank für das Interview!
